Schwul in Reutlingen - Eine lange Geschichte


Die junge Bundesrepublik verankerte 1949 den von den Nationalsozialisten geprägten §175 in ihr Strafgesetz. Damit war nach dem zweiten Weltkrieg Homosexualität ein Strafbestand, es war aber immerhin nicht mehr lebensgefährlich sich zu treffen. In Reutlingen traf man sich Ende der 40er Jahre zunächst als privater Freundeskreis in der Wohnung von Harry Hermann und Willy Stiefel.

Von der seit 1932 in Zürich bestehender Gruppe  "Der Kreis"  ging die Initiative aus, den  Freundeskreis in eine politisch tätige Gruppe umzuwandeln. 1950 wurde in Reutlingen die Kameradschaft "Die Runde" gegründet. Leitspruch der Gruppe war: "suum cuique" - "Jedem das Seine", was im KZ Buchenwald am Eingangstor stand.

Der familiäre Charakter der Treffen blieb zunächst erhalten. Doch die Gruppe wuchs ständig, worauf die regelmäßigen Treffen ab 1956 in das "Katharinen-Eck" nach Stuttgart verlegt wurden. Aus dieser Zeit stammt auch der Stammtischwimpel der Gruppe.

Geboten waren Geselligkeit, aber auch Vorträge, Diskussionen und Lesungen schwuler Autoren. Im selben Jahr begann die Gruppe eine Publikation unter dem Namen "die runde" zu veröffentlichen. Darin erschienen Zeitberichte zu den Haftbedingungen der Schwulen im KZ, aber auch Artikel, die sich kritisch mit der aktuellen Rechtssprechung der 50er und 60er Jahre befassten. Über das Blatt lief die kommunikative Vernetzung von Homosexuellengruppen in ganz Europa. Über dieses Netzwerk wurden Schwule im Notfall vor der Verhaftung geschützt und in andere Länder gebracht. In der Bundesrepublik erfolgten zwischen 1950 und 1965 über 45.000 Verurteilungen wegen homosexueller Handlungen. In diesen schwierigen Zeiten war "die runde" eine der wenigen Gruppen, die um eine rechtliche Liberalisierung homosexuellen Lebens kämpfte.

Nach Grundsatzdiskussionen wurde die Publikation "die runde" umbenannt in " Der Rundblick". Die Themenauswahl wurde noch überregionaler strukturiert und die Bedeutung der Zeitung reichte weit über Reutlingen hinaus. Über 200 Abonnements wurden verschickt.

Im Kampf um den Liberalismus des Strafgesetzes wurde am 25. April 1964 in der Stuttgarter Liederhalle die Gründerversammlung des "Institutes für freie Persönlichkeitsentfaltung " abgehalten; 1968 begann sich die Liberalisierung des §175 abzuzeichnen. Der neu formulierte Paragraph wurde im September 1969 von der großen Koalition verabschiedet.

Das Ziel der Gruppe, das sie sich bei ihrer Gründung gesetzt hatte, war erreicht. An Weihnachten 1969 wurde die Auflösung der Gruppe bekannt gegeben. Die endgültige Streichung des §175 erfolgte erst 1994!

Weitere informationen: Karl-Heinz Steinle: Die Kameradschaft "die runde " 1950 bis 1969, Schwules Museum und Verlag Rosa Winkel, Berlin 1998.